Die Fehler des Alex Baur

Ich habe bisher Alex Baurs Texte geschätzt. Sie sind unbequem, aber gut recherchiert. Jetzt sind mir aber Zweifel gekommen, ob das stimmt, weil ich in einem konkreten Text genau überprüfen kann, wie der Journalist arbeitet.

In der Weltwoche vom 8. März 2012 schreibt Baur, ich hätte im Beobachter einen Text verfasst, der in der Vermutung gegipfelt habe, „dass mehr als die Hälfte der Täter zu Unrecht in der Verwahrung sitzen.“ Die Anführungszeichen stammen vom Weltwoche-Text. Bauer erweckt damit den Eindruck, es werde eine Aussage von mir zitiert.

Das ist falsch. Die Originalpassage lautet: „Sogar renommierte Psychiater wie die Deutschen Norbert Nedopil oder Wilfried Rasch vermuten, dass mehr als die Hälfte der Täter zu Unrecht in der Verwahrung sitzen.“ Statt sich mit den Argumenten dieser Experten auseinanderzusetzen, spielt Baur auf den (falschen) Mann und verbirgt sein eigenes Denken. So mailte mir Baur im August 2010 folgenden Satz: „Ich habe den Eindruck, dass die Gefahr heute sehr gross ist, dass Verdächtige auf Vorrat weg gesperrt werden – einfach weil kein Psychiater das geforderte Unbedenklichkeitszertifikat ausstellen mag.“

Baur behauptet in seinem Weltwoche-Text von Anfang März 2012 weiter, ich hätte einen naiv wohlwollenden Text über den Serienvergewaltiger Markus Wenger geschrieben.  Auch das ist falsch, denn der Text über Markus Wenger stammte nicht von mir, sondern von einer Ex-Weltwoche-Journalistin.

Leider hat mich Baur zu diesen Vorwürfen vorgängig nicht Stellung nehmen lassen. Mit seinem Text verletzte der Recherchejournalist mehrfach die Wahrheits- und Fairnessgebote des Presserates.

Ich werde in Zukunft Baurs Texte vorsichtiger lesen. Auch mehrfach leicht daneben kann in der Summe schwer daneben ergeben.

13 Gedanken zu “Die Fehler des Alex Baur

  1. Das finde ich sehr interessant, denn mir ging es gleich mit der Einschätzung von Alex Baur wie Dir.
    Gruss
    Simon

  2. Lieber Dominique,
    Du unterstellst mir, Dich falsch zitiert zu haben. Diese Unterstellung ist falsch. Ich habe geschrieben, Dein Artikel gipfle „in der Vermutung, ‚dass mehr als die Hälfte der Täter zu Unrecht in der Verwahrung sitzen“. Das ist richtig. Ich habe nicht geschrieben, dass Du das behauptest. Und wenn ich nicht ausführte, dass das Zitat von zwei Fachleuten stammt, auf die Du dich berufst, so geschah dies nicht aus bösem Willen oder weil ich Dich irgendwie schlechtmachen wollte, sondern aus rein technischen Gründen, die Du selber nur zu gut kennst (im Journalismus muss man immer verkürzen, sonst werden die Texte schlicht und einfach unsleserlich). Entscheidend ist: die Aussage der beiden Fachleute passt in die Stossrichtung Deines Textes, und das war auch der Grund, warum Du sie eingebaut hast.
    Was den zweiten Punkt anbelangt: Ich hege schon lange die Befürchtung, dass Leute verwahrt werden, die gar nicht in die Verwahrung gehören. Das ist richtig. Ich habe auch schon über solche Fälle geschrieben, und ich werde es auch weiterhin tun. Nur steht dies in keinem Widerspruch zu meinem aktuellen Artikel. Ich weise dort vielmehr auf diese Gefahr hin. Ich weise auch eindringlich darauf hin, dass überhaupt noch nicht erwiesen ist, dass Wenger tatsächlich rückfällig wurde. Am Beispiel Wenger zeige ich lediglich auf, wie schwierig die Prognose ist, und wie man sich dabei verhauen kann. Und vor allem weise ich darauf hin, dass die Justiz in derartigen Fällen heute sehr streng ist, dass ein Umdenken stattgefunden hat – doch das die Justiz offenbar nicht in der Lage ist, dies glaubwürdig herüberzubringen.
    Punkt drei: Mag sein, dass eine Kollegin den Beobachter-Text über Wenger recherchiert und geschrieben hat. Aber Du nimmst die Geschichte in Deinem Artikel auf – als Beispiel für die angeblich ungerechtfertigte Verwahrung. Und, sorry, Du hast Dir just das falsche Beispiel ausgesucht.
    Und last but not least: ich bin nicht Mitglied irgend eines Verbandes, habe die besagten Richtlinien weder unterschrieben noch ist für mich deren Auslegung durch den Presserat bindend (dies nur nebenbei); aber selbstverständlich halte ich den Grundsatz „audiatur et altera pars“ hoch; nur: wenn ich einen Text kritisiere, dann beziehe ich mich auf das, was publiziert wurde.
    In alter Wertschätzung, Alex Baur

    • Die Fragen, ob Sie Mitglied eines Verbandes sind oder die Richtlinien des Presserates unterschrieben haben, sind hier nicht entscheidend. Entscheidend ist, ob Sie als Journalist die Wahrheit berichten und sich fair verhalten. In diesem Fall scheint beides nicht der Fall zu sein. Würden Sie sich nämlich »auf das, was publiziert wurde« beziehen, gäbe es kein Problem.

      • Aus Alex Baurs Artikel ist m.E. kein schwerwiegender Vorwurf an die Adresse von Dominique Strebel heraus zu lesen. Eine vorgängige Anhörung gemäss Richtlinien des Presserats – d.h. bei schwerwiegenden Vorwürfen – drängt sich definitiv nicht auf. Zu bemängeln ist einzig, dass der von Baur kritisierte Text über Wenger ursprünglich nicht aus der Feder von Dominique Strebel stammt. Auf den Text wird aber im Artikel von Domnique Strebel verwiesen. Ob Alex Baur mit diesem Irrtum die Wahrheitspflicht in gravierender Weise oder absichtlich verletzt hat, lasse ich gerne offen. Ein konkreter taktischer Nutzen ist mir aus diesem Irrtum jedenfalls nicht ersichtlich. Betreffend die Aussage, der Artikel gipfle in der Vermutung, dass mehr als die Hälfte zu Unrecht verwahrt sei, siehe meinen Kommentar unten.

        Antwort
        Sehr geehrter Feldstecher,

        bei besonders schwierigen Fragen wie jener der Verwahrung sollten Journalisten möglichst sorgfältig arbeiten. Und zur Sorgfalt als Journalist gehört nun halt einfach der korrekte Umgang mit den Quellen. Alex Baur erweckt den Eindruck, ein Zitat stamme von mir, das nicht von mir stammt, sondern von renommierten Gerichtspsychiatern. Das ist keine Nebensächlichkeit.
        Weiter wirft mir Alex Baur vor, ich hätte die Akten des Falles Wenger und das Muster eines Serienvergewaltigers nicht studiert. Ich staune über diesen Vorwurf, weil ich das Porträt des Verwahrten gar nicht geschrieben habe. Das ist eine gröbere „Ungenauigkeit“.
        In so schwierigen Themen wie der Verwahrung haben wir mit so ungenauen Texten wie jenem von Alex Baur keine Chance, so etwas wie Klarheit zu erreichen. Und genau darum sollte es Journalisten, wenn immer möglich gehen.
        Da muss gar kein „konkreter taktischer Nutzen“ vorliegen. Es ist einfach unsaubere journalistische Arbeit – genau wie das Nichteinholen einer Stellungnahme bei Vorwürfen.

        Mit freundlichem Gruss

        Dominique Strebel

      • Ich pflichte Ihnen absolut bei, dass die Aufgabe des Journalismus darin besteht, grösst mögliche Klarheit zu schaffen und dies Präzision und deshalb gewissenhafte Recherche erfordert. Dies nicht nur bei schwierigen Themen sondern generell. Wenn ich in meinem Blog die Arbeit der Medien aufgreife bzw. kritisiere, geht es ja eigentlich auch immer darum, dass sie zu einem Sachverhalt unscharfe oder einseitige Bilder vermittelten.

        Alex Baur hätte richtig geschrieben, dass Ihr Artikel „darauf hinweist, dass laut zwei Deutschen Psychiatern mehr als die Hälfte der Täter zu Unrecht in der Verwahrung sitze.“ Da gebe ich Ihnen völlig recht. Dabei geht es darum, dass zwei Deutsche Psychiater zitiert werden und nicht der Autor die entsprechende Aussage macht, obwohl dieser durchaus mit einer entsprechenden Aussage in Verbindung gebracht werden dürfte, wenn auch nicht vermittels des beanstandeten Zitats (Herleitung: siehe Kommentar unten). Was die Erwähnung des Wenger-Artikels angeht, pflichte ich Ihnen bei, dass nicht der Eindruck entstehen darf, Sie hätten ihn verfasst. Dies scheint mir der gravierendste Irrtum, und zwar weil der besagte Wenger-Artikel ja ausdrücklich als naiv wohlwollend gebrandmarkt wird.

  3. Offenbar kann der Journalist Baur nicht wirklich Deutsch:

    > „Ich habe geschrieben, Dein Artikel gipfle in der Vermutung, ‘dass mehr als die Hälfte der Täter zu Unrecht in der Verwahrung sitzen. Das ist richtig. Ich habe nicht geschrieben, dass Du das behauptest.“

  4. (im Journalismus muss man immer verkürzen, sonst werden die Texte schlicht und einfach unsleserlich)
    Also lieber etwas falsches suggerieren, als richtig und angemessen zitieren? Merkwürdig. (ich weiss, dass haben Sie nicht geschrieben, nicht gemeint, nicht suggeriert. Aber ich lese es so.)

  5. Nun, ich habe gegen Herrn Alex Baur eine Beschwerde beim Presserat kürzlich eingereicht. Seine Behauptungen und Darstellungen sprengen den Rahmen des Erträglichen bzw. Fairness, Achtung der Menschenwürde und insbesondere der Darstellung der Wahrheit. Als Whistleblower hat er mich zum Erpresser und Kriminellen gemacht, obwohl das Obergericht klar und deutlich festhielt, dass die Beweislage für ein Verurteilung trotz jahrelanger Ermittlungen bzw. ca 25 Bundesordner nicht reicht, um ein Urteil zu fällen. Alex Baur hat zudem ein Gerichtsverfahren auf den Caymans erfunden, das nie stattgefunden hat und ein weiterer Höhepunkte ist, dass er anscheinend intensiv meinen Fall untersuchte und dabei vergass mit mir zu sprechen. Dann wäre ihm zum Beispiel aufgefallen, dass das Bezirksgerichtsurteil durch das Obergericht nicht bestätigt wurde sondern das Obergericht nochmals eine vollständige und gründliche Untersuchung von der Staatsanwaltschaft verlangte. Die Arbeit war schlichtweg schlampig, wenn 6 Jahre untersucht wiurde und niemand in den Untersuchungsbehörden hat bis anhin geprüft, was für Julius Bär Daten d.h. Cayman oder Zürich oder vielleicht Gurensey, Hong Kong, New York etc. auf der CD wirklich gespeichert sind. Es ist eine unglaubliche Baur-Liste, die ich gerne einmal präsentieren möchte. Vielleicht sollte Alex Baur darüber nachdenken, dass Unternehmen bei Whistleblower sogenannte Vertuschungs-, Neutralisierungs- und Verschleierungstaktiken einsetzen, um vom eigenen Missbrauch abzulenken. Uebrigens die deutschen und amerikanischen Steuerbehörden liessen sich von der Bank nicht blenden, aber vielleicht hat das Alex Baur nicht mitbekommen. Ein solcher Gedankengang ist eben nicht einfach, wenn man als Pressemann auf der Seite der multi-nationalen Konzerne, Finanzinstitute und Superreiche mit ihren Offshorekonstrukten steht und dabei die Wahrheit verschleiern muss. Spätestens bei der ausgesprochen bundesrichterlichen Willkürrüge vom 7. März 2011 an die Adresse der Zürcher Oberrichter und Staatsanwaltschaft hätte Alex Baur aufhoren sollen! Die Bundesrichter haben die Sache durchschaut.

  6. Hallo,

    eine sehr interessante Diskussion.
    Kann ein Journalist überhaupt solch hohen Anforderungen dauerhaft entsprechen?
    Artikel werden nun einmal zusammen gekürzt, dies machen erfahrene Journalisten, dann lieber schon vorsorglich selber, aber so wird es schwierig komplexe Sachverhalte korrekt darzustellen.

    Grüße aus der Würfelwelt

  7. Sehr geehrter Herr Strebel,

    die Stossrichtung Ihres Textes ist offensichtlich. Ihre Haltung scheint klar durch: Sie kritisieren heftig die gängige Verwahrungspraxis.

    Zum Beispiel: „Sogar der eher verwahrungsfreundliche Zürcher Gerichtspsychiater Frank Urbaniok geht von bloss 30 bis 40 Menschen aus, die in der Schweiz lebenslang verwahrt werden müssen. Was er selten oder nie erwähnt, sind die 130 Täter, die somit nicht lebenslänglich verwahrt werden dürfen [Anm.: kein Konjunktiv?]. Diese sollten einmal entlassen werden können, doch in den letzten zehn Jahren kamen nur gerade sieben frei.“
    Sie verweisen zwar auf Urbanioks Aussage. Doch es ist Ihre und nicht seine Schlussfolgerung, dass 130 Täter nicht lebenslänglich verwahrt werden dürfen und einmal entlassen werden können sollten. Sie betonen sogar, dass es Ihre und nicht seine Schlussfolgerung ist, und zwar mit dem Hinweis, dass Urbaniok diese 130 „selten oder nie erwähnt“. Dafür erwähnen Sie sie in Ihrem Artikel. Sie machen sich stark für Sie: sie dürfen nicht lebenslänglich verwahrt werden und sie sollten entlassen werden können.
    Daraus folgt: die Aussage, Ihr Artikel gipfle in der Vermutung, „dass mehr als die Hälfte der Täter zu Unrecht in der Verwahrung sitzen“, ist nicht unrichtig. Präziser wäre die Feststellung, dass Ihr Artikel nicht in einer blossen solchen Vermutung sondern in einer entsprechenden Schlussfolgerung gipfelt. Konkret schlussfolgern Sie, dass rund 3/4 (was tatsächlich „mehr als die Hälfte“ ist) der Täter zu Unrecht in der Verwahrung sitzen. Da dies Ihre Schlussfolgerung ist, ist nicht schlüssig, weshalb Sie nicht mit einer entsprechenden Aussage in Verbindung gebracht werden dürften. Zwar führt Alex Baur ein Zitat an, welches Leser theoretisch Ihnen zuschreiben könnten, aber selbst wenn sie es Ihnen zuschrieben, wäre dies inhaltlich sicher nicht unrichtig. Andererseits ist die Interpretation, dass das Zitat von Ihnen selbst stammt, nicht zwingend. Streng genommen gipfelt Ihr Artikel laut Alex Baur einfach irgendwie in dieser Aussage.

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