Volkes Stimme: Kugel in den Bauch ist ok.

Krakelt ein betrunkener Serbe einsam in seiner Wohnung herum, dürfen in Nahkampf trainierte, hoch gerüstete Polizeigrenadiere seine Tür rammen und ihm zwei Kugeln in den Bauch schiessen, wenn er mit einem 11cm langen Küchenmesser einen Ausfallschritt gegen einen der kugelgesicherten Polizisten macht. So Volkes Meinung in Leserreaktionen.

Der Bericht über das Strafverfahren gegen den Polizeigrenadier, der den betrunkenen Serben Zeljko B., der bloss sich selbst umzubringen drohte, mit zwei Kugeln in den Bauch invalid schoss, hat zahlreiche Zuschriften ausgelöst. Alle gleich im Ton: „Ein, von einem höchst agitierten, aggressiven, urteilsunfähigen Mann, mit Messer angegriffener Polizeibeamter, hat nicht nur das Recht, sondern die Pflicht von seiner Schusswaffe gebrauch zu machen“, schreibt etwa Orfeo Giuliani aus Jonen. „Denn der Polizeibeamte vertritt und verteidigt die Autorität und Integrität des Volkssouveräns! Dass in diesem Fall die Kantonssouveränität und damit, das Volkssouverän durch das Bundesgericht ausgehebelt werden soll und noch schlimmer von irgendeinem ausländischen Gericht, gescholten wird, ist im höchsten Mass unzulässig und alarmierend! “

Ähnlich tönt es bei Monika Steimer aus Au: „ich bin der meinung das zeljko b. ganz selber schuld ist daran was passiert ist. hätte er nicht getrunken, nicht randaliert, so dass seine familie zu nachbarn flüchten mussten, so wäre das alles nicht passiert. ich finde der polizist hat völlig zu recht gehandelt.“

Und ganz grundsätzlich wird Hans L. Cattaneo aus Winterthur: „Auf das Getue der Juristen und den Menschenrechts-Juristen in Strassburg können wir diesem Fall aber wirklich verzichten. Freuen wir uns, dass ausser dem Bauch des Täters niemand etwas abbekommen hat.“

Ungefilterte Stimmen, die allen Praktikern im Justizapparat zum Nachdenken empfohlen seien. Nicht weil sie richtig sind, sondern weil sie ausdrücken, was offenbar viele Schweizer glauben. Es zeigt einmal mehr, wie wichtig es ist, Strafrecht und entsprechende Urteile immer wieder in einfacher Sprache zu erklären. So haben die Leserbriefschreiber im konkreten Fall in ihrem Reflex nicht einmal wahrgenommen, dass es derzeit „bloss“ um ein faires Verfahren geht.

7 Gedanken zu “Volkes Stimme: Kugel in den Bauch ist ok.

  1. Eine kugelsichere Weste ist i.d.R. NICHT stichfest, warum sollte sich ein Polizist also auf einen Nahkampf einlassen, bei dem ihm im Zweifel erhebliche Verletzungen drohen?

    • Lieber Philipp, woher weisst Du, dass die kugelsichere Weste im konkreten Fall nicht stichfest war? Wieso hat der Polizist nicht zuerst seinen Mehrzweckstock, dann vielleicht seinen Taser eingesetzt? Diese Fragen möglichst genau zu beantworten, ist Aufgabe einer Strafuntersuchung. Eine solche Strafuntersuchung ist besser, wenn sie von einer unbefangenen Person durchgeführt wird, also von einem Staatsanwalt, der mit dem Opfer und den Polizisten möglichst nicht persönlich bekannt oder sonstwie verbunden ist. Ob ein Staatsanwalt, der täglich mit genau jenen Polizisten zusammenarbeitet, gegen die er ermitteln muss, die Anforderungen an eine solche unabhängige Untersuchungsbehörde erfüllt, die dann der Wahrheit möglichst nahe kommt – darum geht es in diesem Fall. Und um nichts anderes.
      Vorgefasste Urteile – Vorurteile – sind nie gut. Und es ist erschreckend, wie schnell Leute, die Details eines Falles gar nicht kennen, urteilen.

  2. Wirklich ganz schwach, was Sie da schreiben. Sie haben scheinbar keine Ahnung von der Wirkungsweise von schusssicheren Westen (die ja nicht mal schusssicher sind), Schusssicher (!). Sie wissen scheinbar nicht einmal, dass sie nicht den kompletten Körper bedecken.

    Großspurig lassen Sie vom Computersessel Ihre Analyse los: Warum habe der Polizist nicht ersteinmal die Verhältnismäßigkeit geprüft und Rechtsgüter abgewogen. Er hatte immerhin ein, zwei Augenblicke und höchstens sein Leben zu verlieren.

    Das ganz garnieren Sie mit ein wenig vermeintlicher Reaktanz, tatäschlich sind Sie aber selbst Volkes ständig Polizisten unqualifiziert kritisieren Stimme. Das ist doch der Mainstream im Volk, nicht etwas eine ausgewogene Abwägung, die bei Ihnen auch völlig fehlt.

    Ich finde auch eine Untersuchung gut, aber das war ja nicht Ihre Botschaft, Ihre Botschaft war ein Vorurteil (Polizeigewalt) zu verbreiten.

    • Wow. Da kommt ja eine grosse emotionale Walze. Nimmt mich schon wunder, woher Sie diese Aggression haben. Nein, Ziel des Textes ist nicht ein Vorurteil, sondern Verständnis zu schaffen für den Sinn einer Untersuchung ohne Vorurteil. Ich habe ja gezielt die Vorurteile mit teilweise extremen Forderungen thematisiert, welche Leser ohne irgendwelche Vorkenntnisse vom konkreten Fall geäussert haben. Das macht mich nachdenklich.

    • Lieber Hannoveraner, leider werden Sie diese Zeilen eher nicht mehr lesen. Aber ihr elaborat muss trotzdem beantwortet werden.
      Die Schusssicheren Westen von Polizeigrenadieren haben einsetzbare Aramid- und Composit Platten, die beschusssicher sind – selbst mit 5.56mm standart Nato-Munition. Diese Westen haben m.W. auch einen „Kragen“ (ähnlich wie Splitterschutzwesten) und schützen den Achsel-, Nacken-, Hals- und Lendenbereich praktisch vollständig ab.
      Das ist der Unterschied zu der Weste des Streifenbeamten. Es stimmt auch, dass Schusssichere Westen idR. nicht Stichfest sind (anders als die Joghurts in der Migro). Dies spielt aber keine Rolle, da es sich um die Weste eines Pol.Grenadiers handelte. Dass ein Profi, der in Nahkampf geschult ist, einen Schlagstzock, Pfefferspray (Reichweite 3-5m) und einen Taser am Gürtel trägt einen sichtlich besoffenen nicht anders überwältigen kann, als mit zwei Bauchschüssen (wird bei Polizei und Grenzschutz so gelernt – immer Bauchschuss!) hat mich fassungslos gemacht und etwas verängstigt. Es steht schlimm um unsere Sicherheit, wenn solche „Profis“ so diletantisch ausgebildet und sichtlich unfähig sind! Wer den Schlagstock (und Krav Maga/ Jiu!) beherrscht, in eine schuss- und stichfeste Weste gehüllt und über div. „Nahkampfinstrumente“ verfügt benötgt keine(!) Schussabgabe, um einen potentiellen „Selbstgefährder“ zu „bodigen“! Aber natürlich Glauben Sie das mangels Wissen nicht. Deshalb empfehel ich ihnen einmal den Besuch einer Nahkampfschule – ja die gibt es von Tel Aviv über Hannover bis St.Gallen.

      Freundliche Grüsse von einem, der wöchentlich zweimal Nahkampf trainiert – u.a. mit Grenzwächtern und Polizisten

      Ps. Bei youtube mal den Namen „Roy Elghanayan“ eingeben und staunen, was selbst Laien in 100 Stunden Training erlernen können, Polizeigrenadiere aber anscheinend nicht.

  3. Ich halte solche Situationen für äusserst schwer zu klären. Nach den aktuellen Angriffen auf Polizeibeamte halte ich den Einsatz der Waffe zumindest für nachvollziehbar. Ein Angriff mit dem Messer muss sich nicht zwangsläufig gegen die vermeintlich geschützten Bereiche richten. Für mich ist die Datenlage zu dünn, um Versäumnisse der Polizeibeamten erhärten zu können. Alternative wäre der Einsatz von Video bei jedem Einsatz. Hier würden dann die Datenschützer opponieren.

  4. Antworten auf den Post illustrieren das Problem sehr schön. Die letzten beiden Sätze wären entscheidend: „Es zeigt einmal mehr, wie wichtig es ist, Strafrecht und entsprechende Urteile immer wieder in einfacher Sprache zu erklären. So haben die Leserbriefschreiber im konkreten Fall in ihrem Reflex nicht einmal wahrgenommen, dass es derzeit „bloss“ um ein faires Verfahren geht.“
    Nur muss man nicht nur gut erklären, sondern es muss auch die Fähigkeit und Bereitschaft vorhanden sein zuzuhören oder zu lesen. Dieser Blog versucht hierzu einen Beitrag zu leisten, lesen müssen Sie aber selber.

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