Steuerdetektive braucht das Land

Sozialdetektive haben Konjunktur. Aber viel sinnvoller wären Steuerdetektive. Ein einziger Kaderbanker prellt etwa die Stadt Zürich um rund eine Viertelmillion Franken – jedes Jahr. Und die Stadt Zürich unternimmt nichts. Es fehlt an Steuerdetektiven.

Nennen wir ihn: Kurt Jäggi. Er ist Kadermitarbeiter bei einer grossen Schweizer Bank, arbeitet in Zürich und wohnt in Wollerau. Halt: Er wohnt nicht wirklich in Wollerau, er ist dort nur steuerpflichtig. In seiner 3-Zimmer-Wohnung in der Schwyzer Gemeinde gibt es nämlich keine einzige Gabel, kein Messer, keinen Teller. Die Küche ist leer bis auf drei Gläser. Im Wohnzimmer steht ein einsames Sofa – neben einer Ständerlampe mit Zeitschaltuhr. Sonst hats da nichts. Das Schlafzimmer sieht genau so aus. Zeitschaltuhr auch dort.

Doch der Gemeinde Wollerau ist das egal („Wir kontrollieren nur, ob es befristete Mietverträge hat“, sagt die verantwortliche Gemeindemitarbeiterin) und die Stadt Zürich legt die Hände in den Schoss, nachdem ihr der Banker versichert hat, in der grossen Loft im Zentrum von Zürich, wo er gemäss eines Informanten des Justizblog regelmässig übernachtet, bewahre er bloss seine Kunst auf. Und der Vermieter meinte, der Loft sei fürs Wohnen nicht geeignet, da er nicht mal Nasszellen habe (der Justizblog-Informant weiss, dass es in der Wohnung sehr wohl ein hübsches Bad mit Sprudelfunktion gibt).

Genau in solchen Fällen müsste die Stadt Zürich Steuerdetektive zur Hand haben, die Verdächtige überwachen, Stromrechnungen aus der Gemeinde Wollerau anfordern, Zügelrechnungen vom Verdächtigen einfordern, Bancomat- und Cumuluskartenbezüge analysieren könnten. Für die Stadt Zürich wäre einiges zu holen: Bei Banker Kurt Jäggi entgehen ihr – bei einem angenommenen steuerbaren Einkommen von einer Million – jedes Jahr rund eine Viertelmillion. Doch in den Gemeinden gibt es bloss überlastete Steuerveranlager, die keine Zwangsmassnahmen anordnen können.

Eigentliche Steuerdetektive, die auch bei Steuerhinterziehungen und Scheindomizilen Hausdurchsuchungen und andere Zwangsmassnahmen anordnen könnten, gib es in Helvetien bloss deren 20 – die Ermittlungstruppe der Abteilung Strafsachen und Untersuchungen (ASU) der Eid­genössischen Steuerverwaltung in Bern. 20 Steuerdetektive – zum Vergleich: Allein die Stadt Zürich hat 12 Sozialdetektive.

Die ASU führt bloss etwa zehn Verfahren pro Jahr, diese aber mit grossem Aufwand. Für den Einsatz der ASU braucht es die Einwilligung von Bundesrätin Widmer-Schlumpf. Zwischen 2006 und 2010 haben die Ermittlungen der eidgenössischen Steuerfahnder den Kantonen jedes Jahr im Schnitt 72 Millionen Franken an Nachsteuern und Bussen eingebracht.

Trotzdem fordert SVP-Nationalrat Christoph Mörgeli in einem parlamentarischen Vorstoss die Abschaffung der ASU. Die Fraktion der SP hingegen will sie auf 40 Ermittler ausbauen. Auch das eigentlich viel zu wenig.

2 Gedanken zu “Steuerdetektive braucht das Land

  1. Mit solchen Steuertricksereien wird meistens auch noch geprahlt. Soziale Verantwort ist halt out.

    Ich habe aber auch andere Erfahrungen gemacht: Zu meinen Uni-Zeiten bewohnte ich in einer Gemeinde in der Agglo ZH mit 4 anderen Wochenaufenthaltern eine 5-Zimmerwohnung. Die dortige Steuerbehörde kontrollierte regelmässig, ob denn am Wochenende alle von uns nach Hause gefahren waren und somit unser Status als Wochenaufenthalter berechtigt war. Dass keiner von uns fünf Studenten ein steuerbares Einkommen von über 20’000.- Franken erzielte und damit alle nicht steuerpflichtig waren, war anscheinend ohne Bedeutung. Mehrmals wurde unsere Anwesenheit in der Gemeinde am Wochenende per Telefon oder spontanem Hausbesuch überprüft. Mindestens ein halbes Jahr lang.

    Damals dachte ich, die zürcherischen Steuerbehörden seien gnadenlose Kontrolleure. Heute weiss ich, dass das auch so war, jedenfalls bei uns Studenten…

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